Mittwoch, 19. November 2008
Schleppen mit dem Sachsenticket
besteckfachinlaufrichtung, 14:22h
Einmal pro Woche werde bin ich ein professioneller Schlepper. Aus wirklich akuter Geldnot. Legal, aber mit Gewissensbissen.
Dabei bin ich einer von Vielen. Wir Schlepper kaufen uns morgens für 27 Euro ein Sachsenticket und fahren damit mehrmals am Tag zwischen größeren Städten im Gültigkeitsbereich des Tickets mit Bummelzügen (bahndeutsch: Regionalexpress) hin und her.
Das aber keinesfalls allein, sonst wären wir schlechte Schlepper, die sich selber von Bahnhof zu Bahnhof schleppten. Nein, wir bieten unsere vier offenen Plätze im Internet als Mitfahrgelegenheit an, bilden StudiVZ-Gruppen und schreiben das schwarze Brett mit unseren Mitbahngelegenheiten voll.
Die Königsdisziplin aber besteht darin, die Leute direkt am Fahrkartenautomaten abzufischen. Natürlich bevor sie ihr Ticket bezahlt haben. Könner verlegen sich allein auf diese Methode. Sie sind erstaunlich erfolgreich und die Freude über die überraschende Geldersparnis trägt die Geschleppten auch gleich über mögliche Zweifel an der Person des Schleppers.
"Meine" Strecke ist seit einigen Wochen Leipzig-Dresden-Leipzig-Dresden-Leipzig*. Dort fahren große Doppelstockwagen, meist sind noch genügend Sitzplätze vorhanden. Vier Fahrten (9.58, 12.21, 14.58 und 17.21 Uhr), macht 16 Mitfahrplätze. Je sechs Euro, macht das im Idealfall 69 Euro cash für vielleicht acht oder neun Stunden unterwegs sein und rund 480 Kilometer Bahnfahrt. Meist sind es 40 bis 50 Euro, die man so am Tag verdient, ohne im herkömmlichen Sinne zu arbeiten. Gemunkelt wird von vereinzelten Profis, die kaum einen richtigen Wohnsitz mehr haben, aber bis zu 1.500 Euro im Monat (steuerfrei) auf diese sehr unstete Art der Arbeit verdienen.
Zu Stoßzeiten stehen dann drei oder vier Sachsenticket-Menschentrauben (immer zu fünft, stets in gezwungene Unterhaltungen verwickelt) am Bahnsteig, kämpfen teilweise drei Schlepper gleichzeitig um ihre Fahrgäste. Gut zu beobachten freitags gegen Nachmittag beispielsweise am Gleis 23 des Leipziger Hauptbahnhofes etwa eine Viertelstunde vor Abfahrt des Zuges nach Chemnitz. Die Bahn und die Bahnhofssicherheit scheint das Treiben am Fahrkartenautomaten wenig zu interessieren.
Der Zug nach Chemnitz ist dabei ideal: Schneller als jedes Auto und meist voll. Und die Fahrt kostet auch mit BahncardFuffzich mehr als das Fünftel des Sachsentickets. Sichere Beute also.
Der Nachteil für uns Schlepper: Der Zug steht längstens sechs Minuten im Bahnhof, eine sofortige Rückfahrt mit drei oder vier neuen Mitfahrern ausgeschlossen. Man bräuchte jeweils einen Helfershelfer im Bahnhof. Auch solche Menschen habe ich schon gesehen.
Die Gewissensbisse kommen ganz von allein. Ich habe es noch nicht geschafft, einfach frei heraus zu sagen, dass ich mehrmals am Tag fahre und so etwas Geld verdiene. Es erscheint irgendwie unredlich und das Schamgefühl ist groß, obwohl die Reaktion von Unbeteiligten meist verhalten positiv ist, und sie versuchen, den cleveren Teil der Geschäftsidee hervorheben. Und meine Mitfahrer nutzen mein Ticket ja auch, um Geld zu sparen. Eigentlich eine Win-Win-Situation, um mal einen verfemten Wirtschaftsslang aufzusetzen.
Ich gebe meinen Mitfahrern aber weiterhin den Eindruck, das Ticket für diese eine Fahrt zu teilen. Ich fahre eine gute halbe Stunde nach Ankunft wieder zurück und besuche weder meine Oma, noch muss ich irgendwo arbeiten. Mit Notlügen überbrücke ich die Fragen nach dem weiteren Tagesverlauf. Kniffelig wird es dann, wenn ein Mitfahrer fragt, ob man noch weiterfährt. Dann hoffe ich, dass die genotlügte Richtung nicht auch die seine ist. Denn ich fahre weiter. Zurück.
Dafür kann ich (mit aufflackernden Gewissensbissen) einen guten Teil der Zeit für Arbeit im Zug nutzen. Lesen, Lernen, Schreiben, alles wie in der Bibliothek, nur dass die Steckdose für den Laptop-Akku fehlt und das WLAN nicht funktioniert. Und der Schaffner (bahndeutsch: Kundenbetreuer, neuerdings: Rausschmeisser), der angesichts des häufigen Wiedersehens ja stutzig werden könnte und einen mit peinlichen Fragen an die Mitreisenden verraten könnte. (Ist aber erst einmal so passiert.)
Zu guter Letzt ein Dank an diejenigen, die mich mit ihrer Sparsamkeit vor weiteren Schulden bewahren. Und ein Abzug von 0,2l Karma geht an die Businessfuzzis, die lieber den vollen Preis für ihre Bummelzugfahrt bezahlen, weil sie die Fahrtkosten eh zurück bekommen.
Ach ja, nächste Woche, wahrscheinlich Freitag, schleppe ich natürlich wieder.
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* Mit Unterwegshalt in Engelsdorf, Borsdorf, Wurzen, Kühren, Dahlen, Oschatz, Riesa, Glaubitz, Nünchritz, Priestewitz, Niederau, Weinböhla Hp, Coswig, Radebeul Ost, Dresden-Neustadt und Dresden Mitte.
Dabei bin ich einer von Vielen. Wir Schlepper kaufen uns morgens für 27 Euro ein Sachsenticket und fahren damit mehrmals am Tag zwischen größeren Städten im Gültigkeitsbereich des Tickets mit Bummelzügen (bahndeutsch: Regionalexpress) hin und her.
Das aber keinesfalls allein, sonst wären wir schlechte Schlepper, die sich selber von Bahnhof zu Bahnhof schleppten. Nein, wir bieten unsere vier offenen Plätze im Internet als Mitfahrgelegenheit an, bilden StudiVZ-Gruppen und schreiben das schwarze Brett mit unseren Mitbahngelegenheiten voll.
Die Königsdisziplin aber besteht darin, die Leute direkt am Fahrkartenautomaten abzufischen. Natürlich bevor sie ihr Ticket bezahlt haben. Könner verlegen sich allein auf diese Methode. Sie sind erstaunlich erfolgreich und die Freude über die überraschende Geldersparnis trägt die Geschleppten auch gleich über mögliche Zweifel an der Person des Schleppers.
"Meine" Strecke ist seit einigen Wochen Leipzig-Dresden-Leipzig-Dresden-Leipzig*. Dort fahren große Doppelstockwagen, meist sind noch genügend Sitzplätze vorhanden. Vier Fahrten (9.58, 12.21, 14.58 und 17.21 Uhr), macht 16 Mitfahrplätze. Je sechs Euro, macht das im Idealfall 69 Euro cash für vielleicht acht oder neun Stunden unterwegs sein und rund 480 Kilometer Bahnfahrt. Meist sind es 40 bis 50 Euro, die man so am Tag verdient, ohne im herkömmlichen Sinne zu arbeiten. Gemunkelt wird von vereinzelten Profis, die kaum einen richtigen Wohnsitz mehr haben, aber bis zu 1.500 Euro im Monat (steuerfrei) auf diese sehr unstete Art der Arbeit verdienen.
Zu Stoßzeiten stehen dann drei oder vier Sachsenticket-Menschentrauben (immer zu fünft, stets in gezwungene Unterhaltungen verwickelt) am Bahnsteig, kämpfen teilweise drei Schlepper gleichzeitig um ihre Fahrgäste. Gut zu beobachten freitags gegen Nachmittag beispielsweise am Gleis 23 des Leipziger Hauptbahnhofes etwa eine Viertelstunde vor Abfahrt des Zuges nach Chemnitz. Die Bahn und die Bahnhofssicherheit scheint das Treiben am Fahrkartenautomaten wenig zu interessieren.
Der Zug nach Chemnitz ist dabei ideal: Schneller als jedes Auto und meist voll. Und die Fahrt kostet auch mit BahncardFuffzich mehr als das Fünftel des Sachsentickets. Sichere Beute also.
Der Nachteil für uns Schlepper: Der Zug steht längstens sechs Minuten im Bahnhof, eine sofortige Rückfahrt mit drei oder vier neuen Mitfahrern ausgeschlossen. Man bräuchte jeweils einen Helfershelfer im Bahnhof. Auch solche Menschen habe ich schon gesehen.
Die Gewissensbisse kommen ganz von allein. Ich habe es noch nicht geschafft, einfach frei heraus zu sagen, dass ich mehrmals am Tag fahre und so etwas Geld verdiene. Es erscheint irgendwie unredlich und das Schamgefühl ist groß, obwohl die Reaktion von Unbeteiligten meist verhalten positiv ist, und sie versuchen, den cleveren Teil der Geschäftsidee hervorheben. Und meine Mitfahrer nutzen mein Ticket ja auch, um Geld zu sparen. Eigentlich eine Win-Win-Situation, um mal einen verfemten Wirtschaftsslang aufzusetzen.
Ich gebe meinen Mitfahrern aber weiterhin den Eindruck, das Ticket für diese eine Fahrt zu teilen. Ich fahre eine gute halbe Stunde nach Ankunft wieder zurück und besuche weder meine Oma, noch muss ich irgendwo arbeiten. Mit Notlügen überbrücke ich die Fragen nach dem weiteren Tagesverlauf. Kniffelig wird es dann, wenn ein Mitfahrer fragt, ob man noch weiterfährt. Dann hoffe ich, dass die genotlügte Richtung nicht auch die seine ist. Denn ich fahre weiter. Zurück.
Dafür kann ich (mit aufflackernden Gewissensbissen) einen guten Teil der Zeit für Arbeit im Zug nutzen. Lesen, Lernen, Schreiben, alles wie in der Bibliothek, nur dass die Steckdose für den Laptop-Akku fehlt und das WLAN nicht funktioniert. Und der Schaffner (bahndeutsch: Kundenbetreuer, neuerdings: Rausschmeisser), der angesichts des häufigen Wiedersehens ja stutzig werden könnte und einen mit peinlichen Fragen an die Mitreisenden verraten könnte. (Ist aber erst einmal so passiert.)
Zu guter Letzt ein Dank an diejenigen, die mich mit ihrer Sparsamkeit vor weiteren Schulden bewahren. Und ein Abzug von 0,2l Karma geht an die Businessfuzzis, die lieber den vollen Preis für ihre Bummelzugfahrt bezahlen, weil sie die Fahrtkosten eh zurück bekommen.
Ach ja, nächste Woche, wahrscheinlich Freitag, schleppe ich natürlich wieder.
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* Mit Unterwegshalt in Engelsdorf, Borsdorf, Wurzen, Kühren, Dahlen, Oschatz, Riesa, Glaubitz, Nünchritz, Priestewitz, Niederau, Weinböhla Hp, Coswig, Radebeul Ost, Dresden-Neustadt und Dresden Mitte.
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dergeschichtenerzaehler,
Mittwoch, 19. November 2008, 16:04
Diese Geschäftsidee kannte ich noch nicht...wenn Sie mal in Zwickau vorbeikommen, dann lass ich mich doch gerne mal schleppen. He He
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horatio,
Donnerstag, 20. November 2008, 02:35
Da habe ich neulich einen Bericht beim Schwarzen Kanal drüber gesehen. Das wirklich Unglaubliche und Skandalöse daran ist ja, dass es in der Tat keine Steckdosen für Laptops in diesen Zügen gibt. Ich als redlicher Pendler kann dir ein Lied darüber singen, auch über die Verspätungen, die mich bei jeder dritten Fahrt (ich habe gezählt) den Anschlusszug verpassen lassen. Deinem Geschäft wird das sicher auch abträglich sein...
PS: Bist du ganz sicher, dass das legal ist?
PS: Bist du ganz sicher, dass das legal ist?
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besteckfachinlaufrichtung,
Donnerstag, 20. November 2008, 11:23
nu ja, die Anschlüsse spielen bei Mitfahrgelegenheiten nur eine untergeordnete Rolle. Zumindest auf Mono-Strecken wie Leipzig-Dresden. Bei meiner zuvor praktizierten Runde L-C-DD-L war ich aber selber anschlussverlustgefährdet.
Zum PS: Ganz sicher. So lange von Seiten der Bahn nur ein Anwachsen der Reisegruppe nach Fahrtbeginn als Ausschlusskriterium gilt, mache ich mich nur angreifbar, wenn der Schaffner zwischen Dresden Hauptbahnhof und Neustadt kommt und in Neustadt jemand zusteigt.
Zum PS: Ganz sicher. So lange von Seiten der Bahn nur ein Anwachsen der Reisegruppe nach Fahrtbeginn als Ausschlusskriterium gilt, mache ich mich nur angreifbar, wenn der Schaffner zwischen Dresden Hauptbahnhof und Neustadt kommt und in Neustadt jemand zusteigt.
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